Derzeit führt die Stadt Erfurt eine Bürgerbefragung zur Neugestaltung des Angers durch, genauer gesagt zur Neugestaltung des westlichen Angers, dem Teil also zwischen Angerbrunnen und zentralen Haltestellen. Zur Auswahl stehen zwei Alternativen, über die man sich im Stadtrat noch nicht einigen konnte, zum einen auf Grund von Protesten der ansässigen Geschäftsleute gegen eine der Varianten, zum anderen auf Grund eines erhöhten Finanzierungsbedarfs, der im Zuge der technischen Planungen zu Tage trat.
Zur Auswahl steht die Variante 1, hier sollen auf beiden Straßenseiten zweireihig kleinkronige Bäume mit einer Höhe von 2,50 m gepflanzt werden. Die Finanzierung dieser Variante ist nach derzeitigem Stand nicht gesichert, da sich durch hohen technischem Aufwand Mehrkosten in Höhe von bis zu 1,5 Mio. € ergeben würden. Der Eigenanteil der Stadt läge bei 2,9 bis 3,4 Mio. €.
Da liest sich die zweite Variante schon deutlich angenehmer. Zwar sollen hierbei nur auf einer Seite Bäume gepflanzt werden, diese wären aber größer und die Finanzierung v.a. gesichert. Der Eigenanteil der Stadt betrüge lediglich 1,9 Mio. €. Dieser Betrag ist im Haushalt bereits eingeplant.
Die Erfurter mögen sich erinnern: Die Neugestaltung dieses Teils liegt noch nicht so viele Jahre zurück, das beweist die Größe der vor einigen Jahren erst neu gepflanzten Bäume. Warum also ist eine abermalige Neugestaltung notwendig? Die Stadt begründet dies zweifach: Einerseits mit dem stark erneuerungsbedürftigen Eindruck der traditionellen Einkaufsstraße – der sich dem durch die Straße Schlendernden nicht gerade aufdrängt – und andererseits mit letztmalig bis 2013 zur Verfügung stehenden Finanzhilfen der EU zur Regionalförderung. Angeblich nur für diese Investition könne die Stadt Erfurt ein allerletztes Mal in diesem Zeitraum Mittel abrufen, die ¾ der Investitionskosten darstellen.
Man bemerke, dieser Teil der Begründung ist sogar fett gedruckt in der Erläuterung, und damit scheinbar das wesentlichere Argument für die angeblich notwendige Erneuerung des Angers. Damit entlarvt sich die Stadtverwaltung quasi selbst. Man beachte, die Stadt Erfurt, die mit ca. 150 Mio. € verschuldet ist, ist bereit, 1,9 Mio. € (also am Ende der Bauphase aller Erfahrung nach mindestens 2,5 Mio. €) nicht vorhandener – mit Verweis auf den Sparhaushalt 2010 - Finanzmittel auszugeben, um ca. 4,5 Mio. € Investitionsförderung seitens der EU zu erhalten – für ein völlig überflüssiges Projekt. Es gibt Straßenzüge in Erfurt, deren Eindruck weit stärker erneuerungsbedürftig ausfällt. Letztlich wird hier Geld, das bewiesenermaßen nicht vorhanden ist, zum Fenster rausgeschmissen.
Nun kann man einwenden, das Abgreifen von Fördermitteln ist ein legitimes Vorgehen, schließlich ist Deutschland Nettozahler innerhalb der EU. Dann allerdings muss man sich als Bürger Erfurts fragen, ob sich nicht ein sinnvolleres Projekt finden ließe? Es ist schwer vorstellbar, dass keine andere Investition in die Infrastruktur und städtische Erneuerung Erfurts im Rahmen des EFRE-Programms unterstüzt würde.
Man lerne: Selbst leere Kassen führen nicht automatisch zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit den städtischen Finanzen - die leidliche Sache mit dem Bau einer Rasenheizung im Steigerwaldstadion ist da offenbar keine Ausnahmeerscheinung. Und leider gibt es bei der Umfrage nicht die Option, sich gegen beide Varianten auszusprechen.
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