Bildung

Gesetzliches Verbot von Studiengebühren für Senioren sozial gerecht?

Im November 2009 hat die Thüringer Landesfraktion Die Linke einen Gesetzesentwurf eingebracht gegen die Einführung von Studiengebühren (Drucksache 5/58).

Nun kann man in Bezug auf Studiengebühren gemeinhin geteilter Meinung sein, und es gibt Argumente dafür sowie dagegen. Allerdings sprechen sich die Linken nicht nur gegen Studiengebühren für den Otto-Normal-Studenten aus, sondern eben auch explizit für Langzeitstudenten, sowie für Senioren.

Gerade letzteres muss man einmal genauer durchdenken. Senioren, die ihr Berufsleben hinter sich gebracht haben, sollen also das gleiche Recht auf freien Zugang zu öffentlichen Universitäten bekommen wie junge Menschen, die selbiges noch vor sich haben und sich daher durch ein Studium beruflich qualifizieren, um später ihre Arbeitskraft einzusetzen, der Gesellschaft produktiv zu dienen und ihren Beitrag zum Gemeinwesen durch das Zahlen von Steuern zu leisten.
Begründet wird dies im Wesentlichen mit Artikel 20 der Verfassung des Freistaats Thüringen, das besagt, dass jeder Mensch das Recht auf Bildung hat, und damit das gleiche Recht auf freien und gleichen Zugang zu öffentlichen Bildungseinrichtungen.

Das schließt ohne weitere Überlegungen zunächst sicherlich Personen aller Altersgruppen ein, doch ist zu fragen, ob bei der Formulierung dieses Artikels die Möglichkeit, dass Senioren nochmals überhaupt eine Ausbildung aufnehmen wollen könnten, mitgedacht wurde? Wahrscheinlich nicht!

Das darf bitte nicht falsch verstanden werden, es geht nicht um die Diskriminierung von Älteren. Doch gegen ein gebührenfreies Studium von Senioren sprechen verschiedene Argumente, die von den Linken in ihrem Gesetzesentwurf und der Erläuterung dazu gar nicht diskutiert werden:

Erstens lässt sich ein gebührenfreies (und mithin steuerfinanziertes) Studium für die Bürger als eine Investition der Allgemeinheit in die Zukunft rechtfertigen. Senioren aber haben in keinster Weise die Absicht, das Erlernte produktiv im Arbeitsleben später um- und einzusetzen, im Zweifel hätten sie nicht einmal mehr die Zeit dazu, und könnten über spätere Steuern dieses „Darlehen’’ der Allgemeinheit auch nicht zurückzahlen.

Das Argument, sie hätten in der Vergangenheit ja Steuern gezahlt und sich damit die Inanspruchnahme dieser Leistung „verdient“ kann auch nicht greifen, denn das lässt unberücksichtigt, dass sie in jungen Jahren vielleicht schon einmal studiert haben. Das würde letztlich dazu führen, dass die Allgemeinheit dem Einzelnen in unbegrenzter Länge ein Studium finanziert, was auch und v.a. aus sozialen Gesichtspunkten heraus nicht gerecht und in der Masse auch nicht finanzierbar sein kann. Doch fordern die Linken ja auch konsequenterweise die Abschaffung von Langzeitstudiengebühren, ohne den Aspekt der Finanzierbarkeit und sozialen Gerechtigkeit (bspw. aus Sicht der Steuerzahler) kritisch zu betrachten.

Zweitens, und das folgt aus erstens, verfolgen Senioren ein gänzlich anderes Ziel mit einem Studium. Das wiederum führt dazu, dass sie an Vorlesungen und Seminare anders herangehen, und einen normalen Studienbetrieb, der natürlich auch (nicht alleinig natürlich) auf künftige Berufsqualifikation zielt, teilweise zumindest behindern.

Es stellt sich die Frage, welchen Zweck die Linken mit dem Gesetzesentwurf, insbesondere mit der Forderung eines gebührenfreien Seniorenstudiums sowie Gebührenfreiheit für Langzeitstudenten eigentlich verfolgen, und ob dies überhaupt sozial gerecht sein kann?

Sonderrolle in der Gesellschaft: Die Studierenden?!

Der derzeit laufende Bildungsstreik in Deutschland, der überraschend intensiv nun doch auch in Erfurt angekommen ist, hat ohne Zweifel seine Berechtigung. Viele der angeprangerten Umstände sind objektiv betrachtet tatsächlich Missstände, die behoben, zumindest aber doch angegangen werden müssen: Ein Schulsystem, dass von Beginn an in einem Maße sozial segregiert, dass über dem Durchschnitt der westlichen Industrieländer liegt. Ein völlig an ihren ursprünglich propagierten Zielen gescheiterte Reform des europäischen Hochschulsystems. Auch die mangelnde Versorgung mit KiTa-Plätzen in weiten Teilen der Republik gehört dazu, denn Bildung beginnt weit vor der Schule. Die wesentlichen Grundlagen für die Fähigkeit in der Schule zu lernen, sich zu bilden und gebildet zu werden, werden früh gelegt. Viele der
Forderungen der Erfurter Bildungsstreiker sind daher gerechtfertigt.

Dennoch: Einige Forderungen der protestierenden Studenten führen auch zu einem faden Beigeschmack. Wieder einmal tut sich die Frage auf, warum Studenten (natürlich nicht alle) für sich reklamieren, was dem großen Rest der Bevölkerung auch verwehrt ist. Worauf beruht das Selbstverständnis vieler Studenten, einen Sonderstatus zu besitzen?

Sicherlich, man darf es mit der vielfach betitelten Ökonomisierung der Bildung und den Leistungsdruck im Sinne maximaler Effizienz nicht zu weit treiben – völlig d’accord (wenngleich sich dieses Phänomen in der jüngsten Zeit nicht nur im Bildungssektor fortpflanzt und zu krank machenden Wucherungen führt!)- aber doch auch nicht mit einem Anspruch auf ein Leben in Müßiggang und Bequemlichkeit?
Auf welcher vernünftigen Grundlage beruht bspw. die Forderungen einiger bayrischer Studenten auf Lerngeld, quasi eine Ausbildungsvergütung? Nicht einmal alle tatsächlich Auszubildenden beziehen ein Lehrlingsgehalt, und diejenigen, die ein solches bekommen, bekommen dies nicht für den schulischen Anteil in ihrer Ausbildung, sondern für die konkrete Mitarbeit im Ausbildungsbetrieb! Schüler bekommen im Übrigen ebenso wenig Lerngeld wie Personen, die sich an der VHS weiterbilden. Viele Berufstätige müssen ihre Weiterbildungsmaßnahmen sogar (z.T.) aus eigener Tasche zahlen, so z.B. die Meisterausbildung.

Dieser Anspruch scheint an Selbstgefälligkeit kaum zu toppen, aber ein Erfurter Vertreter der Jungen Union – wichtiger Hinweis: selbst noch Student! - schafft es: Mit der Forderung auf Abschaffung der Anwesenheitskontrolle an Universitäten!
Als probates Mittel gegen überfrachtete Seminarpläne kann dies wohl keineswegs herhalten. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass in mindestens der Hälfte der Veranstaltungen diese Kontrolle gar nicht stattfindet und Studenten doch in ihrer privaten Zeitplanung bereits sehr flexibel sind. Allen schulpflichtigen Kindern und berufstätigen Erwachsenen bleibt dieser Komfort verwehrt.

Mit welcher Berechtigung also beanspruchen Studenten eine solche Sonderbehandlung für sich?

Prekäre Lage an der Universität Erfurt wird öffentlich diskutiert

Mit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten der Universität Erfurt Prof. Kai Brodersen hat sich auch die Informationspolitik der Universität grundlegend geändert. Zum Positiven. Brodersen macht nicht nur alle seine wissenschaftlichen und administrativen Tätigkeiten an und für die Universität auf seinen Webseiten öffentlich. Nein, er nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Lage seiner Universität geht.

Es war sicher kein Geheimnis, dass die Universität schon lange unterfinanziert ist. Jede sechste Stelle muss schon seit langem unbesetzt bleiben, damit die anderen fünf auch tatsächlich ausfinanziert sind. Brodersen macht diese prekäre Lage aber erstmals auch für die Öffentlichkeit deutlich und zeigt die düsteren Aussichten auf, die sich durch das Finanzierungsmodel der Hochschulen des Landes Thüringen für die Universität ergeben. Weitere 10% der Stellen stehen ab 2011 auf dem Spiel.

Trotz der düsteren Aussichten bleibt Brodersen (zweck-) optimistisch, wie man seinen gerade veröffentlichten Denkanstössen zur Zukunft der Universität entnehmen kann. Mit der gemeinsamen Anstrengung aller Universitätsangehörigen mag man die Lage vielleicht meistern. Er kündigt dabei aber auch gleich an, dass jeder zum Erfolg, zum weiteren Bestehen der Universität betragen muss. Sollte sich abzeichnen, dass einzelne Bereiche nicht in der Lage sind ihr Soll zu erfüllen, müssen sich die Betroffenen klar sein, dass ihnen die Finanzierung zu Gunsten erfolgreicherer Bereiche zusammengekürzt, ja sogar gestrichen werden kann. Zum individuellen "publish or perish" kommt nun also auch ein kollektives "prosper or perish". Wobei der Erfolg an politisch vorgegebenen Kenngrößen gemessen wird, die nicht unbedingt den Vorstellungen von Erfolg eines in der Wissenschaft Tätigen entsprechen. Eine sicher nicht geringe Herausforderung für alle Mitglieder der Universität.

Böse Erinnerungen

Wie die TLZ berichtet, gab es heute eine Androhung eines Amoklaufes an der Integrierten Gesamtschule Erfurt. Böse Erinnerungen werden wach an den April 2002, als am Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen bei einem Amoklauf ums Leben kamen.

Das Kultusministerium ordnete daraufhin Unterrichtsausfall für den heutigen Tag an. Sogar das ZDF berichtete darüber. Die Reaktion der Behörde ist absolut verständlich und nachvollziehbar, will man doch ein Massaker wie vor etwa sechseinhalb Jahren verhindern. Doch erfüllt man nicht genau damit den Wunsch des Drohenden nach Aufmerksamkeit? Eine wirklich nicht beneidenswerte Situation.

Botschafter ohne Botschaft?

Dom, A4 und Blumenkübel - reicht das für einen attraktiven Studienstandort Erfurt? Das 1. Erfurter Zukunftsforum widmete sich vor etwa 70 Zuhörern dieser Frage nach der Zukunft der Hochschulen in der Landeshauptstadt. Geladen hatte ein neues Netzwerk aus lokalen Partnern wie der TLZ, Bürgerstiftung Erfurt, Stadt, Tourismus-GmbH - kurz: Die "Erfurter Botschafter". Zuvor veröffentlichte die TLZ bereits Statements der geladenen Hochschulprominenz: Oberbürgermeister Andreas Bausewein, Kai Brodersen, Präsident der Universität Erfurt, Heinrich H. Kill als Präsident der Fachhochschule Erfurt und Katinka Will für die neugegründete Adam-Ries-Fachhochschule.

Wer sich nun aufgrund der versammelten Kompetenz Antworten auf brennende Zukunftsfragen erhoffte, wurde in weiten Teilen leider enttäuscht. Der richtigen Fehler- und Anforderungsanalyse - Thüringen als Abwanderungsland, die schärfer auf Drittmittel ausgerichtete Hochschulfinanzierung und die mangelnden Jobchancen im Großraum Erfurt - folgten leider keinerlei Aussagen zu Konzepten und Ideen. Bekannte und bequeme Antworten ließen zunehmend den Eindruck der Zufriedenheit und Problemverdrängung entstehen. Sicher, eine längst überfällige Marketingstrategie, verstärkte Kooperation und die Präsentation über einen "Hochschulladen" im Hauptbahnhof sind wünschenswerte Projekte. Ob nun ein solcher Laden, in den sich allenfalls ein die Treppe zur Straßenbahn herunterstolpernder Reisender verirren dürfte, die Rettung des unter "Dauerbeschuss" stehenden Uni- und FH-Standortes Erfurt bedeuten würde, bleibt allerdings zu bezweifeln.

Nun, als Fazit bleibt die Frage nach der Botschaft, nach dem Ziel, nach der Perspektive. Fragen nach Studiengebühren zur Behebung der desolaten Finanzsituation, die Rechtfertigung einer der höchsten Zweitwohnungssteuern in Deutschland oder einer wie auch immer gearteten Kooperation zwischen FH und Universität mit dem möglicherweise langfristigen Ziel einer Fusion müssen erlaubt sein, gestellt und natürlich diskutiert werden. Vielleicht liefert der Kommunalwahlkampf 2009 dazu bereits einen passenden Anlass ...

Termin: Zukunft der Erfurter Hochschulen

Am Montag, 29.09.2008, findet das 1. Erfurter Zukunftsforum unter dem Motto "Hochschulstadt Erfurt" statt. Angesichts der aktuellen Probleme und Sorgen der Hochschulen ein hochbrisantes Thema! Los geht es um 19.30 Uhr im Mercure Hotel Erfurt Altstadt, Meienbergstraße 26/27, 99084 Erfurt.

Angekündigt hat sich eine prominent besetzte Runde:
Andreas Bausewein, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Erfurt
Prof. Dr. Kai Brodersen, Präsident der Universität Erfurt
Prof. Dr.-Ing. Heinrich H. Kill, Präsident der Fachhochschule Erfurt
Katinka Will, Geschäftsführerin der Adam-Ries-Fachhochschule GmbH

Der Eintritt ist frei, alle Interessierten sind eingeladen. Anmeldung und weitere Infos: http://www.erfurt-botschafter.de/content-20-erfurt.html

Bildungsmonitor: Thüringen weiter auf Platz 3

Auch dieses Jahr, nun bereits zum fünften mal, veröffentlicht die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ihren aktuellen Bildungsmonitor, in dessen Gesamtranking Thüringen wieder den dritten Platz vor Bayern und nach Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg belegt.

Der Monitor misst den bestehenden bildungspolitische Handlungsbedarf in den 16 Ländern nach einem Katalog von 13 Leitfragen. In den meisten Kriterien wird Thüringen durchschnittlich bis überdurchschnittlich bewertet, insgesamt konnte sich Thüringen gegenüber dem Vorjahr in den Absolutbewertungen deutlich verbessern.

Wie zuvor werden die sehr guten Betreuungsbedingungen in Thüringen durch die INSM mit dem ersten Platz in dieser Kategorie honoriert. Dem entgegen stehen jedoch immer noch unterdurchschnittliche Investitionstätigkeit für allgemeinbildene Schulen und Hochschulen und die Sachmittelaustattung. Als Folge bleiben auch Akademisierung und Forschungsorientierung im Land eher unter dem Bundesdurchschnitt.

Ein Lichtblick sei hier der hohe Anteil der Bachelor-Studenten. Zusammen mit einer relativ geringen Wiederholerquote an Grundschulen und weiterführenden Schulen ergibt sich in Thüringen eine hohe Zeiteffizienz. Die Schüler und Studenten stehen dem Arbeitsmarkt damit relativ früh zur Verfügung.

Trotzdem gilt meiner Meinung nach auch weiterhin: Will Thüringen in Zukunft nicht den Anschluss im akademischen Bereich verlieren, muss in nicht unerheblichen Umfang in die Hochschulen investiert werden, finanziell wie personell. Nullsummenspiele unter dem Deckmantel einer leistungs- und belastungsabhängigen Mittelvergabe sind wenig förderlich. Thüringen steckt viel Geld in seine Grundschüler und legt damit ein gutes Fundament für das Erreichen einer höheren Qualifikation. Damit diese Investitionen nicht verpuffen, ist eine Erhöhung der Finanzmittel auch für die thüringer Hochschulen notwendig.

Neben der freiwilligen Vernetzung und Stärkung der Kooperation der Hochschulen untereinander zur Nutzung von Synergien, sollte man sich vielleicht grundsätzliche Überlegungen zur Hochschulstruktur im Land machen. Ist z.B. in Zeiten von Bachelor und Master eine Trennung von Fachhochschule und Universität noch zeitgemäß, oder sollte man auf lange Sicht die Fachhochschulen in Jena und Erfurt mit den jeweiligen Universitäten in den beiden Städten nicht besser fusionieren?

Terminankündigung: Erfurts private Fachhochschule Adam Ries stellt sich vor

Fachhochschule Adam Ries

Vor wenigen Wochen wurde in Erfurt die private Fachhochschule „Adam Ries“ gegründet.

Zum kommenden Wintersemester öffnet die Fachhochschule erstmals ihre Türen für Studierende. Am 10.06. ab 19 Uhr informieren Dr. Matthias Fertig, Vorsitzender des Gründungssenats und Gründungsbeauftragter der Fachhochschule „Adam Ries“, und die Gründungsbeauftragte Katinka Will über das Leitbild, Studienangebot und –inhalte und Möglichkeiten der Studienfinanzierung im Abacco (Kürschnergasse 7, 99084 Erfurt).

Ich hoffe, wir erfahren dann auch, wer denn so alles im Kuratorium, Hochschulrat und Senat an der näheren Zukunft der neuen FH mitarbeitet. Auf der Webseite der FH findet sich diese Information leider noch nicht.